31 Dez

Ja zu Hoki-Living

Marktgemeinderat stimmt mehrheitlich für Bauprojekt / Innovationszentrum geht in die Beteiligung

Holzkirchen – Noch ist der Solar-Tracker am Rudolf-Diesel-Ring in Holzkirchen ein markantes Wahrzeichen. Das könnte sich bald ändern: Die Pullacher Firma Eckpfeiler Immobilien GmbH möchte auf dem rund 4500 Quadratmeter großen Areal ein modernes Innovationszentrum bauen. Das „Hoki-Living“ getaufte Projekt soll über flexible Büroflächen, Co-Working-5paces, Konferenzräume, eine Kindertagesstätte sowie ein öffentliches Café verfügen. Außerdem ist geplant, circa 100 Mikro-Appartements zu bauen. Mit deutlicher Mehrheit billigte der Marktgemeinderat kürzlich die Planungen und veranlasste die Öffentlichkeits- und Behördenbeteiligung.

Der bis zu fünfgeschossige Baukörper, der größtenteils in Holz-hybrid-Bauweise in Systembau errichtet werden soll, hat bereits eine Vorgeschichte: So wurde dem Marktgemeinderat schon im Oktober das Mobilitätskonzept vorgestellt. Dies würde dem Bauherrn eine Reduktion von 30 Prozent der Stellplätze zugestehen. Wobei die bei dem Konzept vorgesehene Verwendung von Duplexstellplätzen in der Tiefgarage nicht bei allen Gemeinderäten Begeisterung hervorrief. Weil das nach wie vor ein Thema ist, wurde ein Ortstermin bei einer vergleichbaren Anlage vorgeschlagen. Nicht zuletzt Bürgermeister Christoph Schmid meinte dazu: „Davon möchte ich mich vorher schon noch gerne selbst überzeugen.“

Zu Rückfragen aus der Bevölkerung, was denn die Planungsziele der Marktgemeinde seien, nahm Isabella Britze vom Bauamt Stellung. Demnach entspricht die mögliche Bebauung den Zielen des Ortsentwicklungskonzeptes. Unter anderem nannte sie eine deutliche Verkehrsentlastung. Ein weiterer Gewinn wäre das vielfältige Angebot an Wohnformen, die aus Mikro-Apartments mit etwa 30 Quadratmeter Wohnfläche sowie Zwei- und Drei-Zimmer-Wohnungen bestehen. Davon könnte der Markt Holzkirchen voraussichtlich sechs Apartments und zwei Wohnungen zum Herstellungspreis erwerben und vergünstigt an Einheimische vermieten. Zudem würde die vorgesehene zweizügige KiTa, die mindestens den entstehenden Bedarf decken soll, Eigentum der Gemeinde werden.

Bezüglich der Kubatur des Gebäudes wurde laut Britze bereits mit Kreisbaumeister Christian
Boiger gesprochen, dieser stehe dem Vorhaben „sehr positiv“ gegenüber. „Die Bauweise entspricht dem Landesentwicklungsprogramm Bayern für eine flächensparende Siedlungs- und Innenentwicklung und unserem Regionalplan, der die verstärkte Wohnsiedlungstätigkeit in geeigneten zentralen Orten mit Nähe zu bestehenden Infrastrukturen vorsieht“, schloss Britze ihren Vortrag. Wasser in den Wein goss dann aber SPD-Fraktionssprecher Simon Ammer: „Es bleibt dabei, für uns ist dies die falsche Stelle für das Projekt. Wir sollten unsere Gewerbefläche dafür nicht aufgeben, wir werden sie noch brauchen.“ Das Gros des Marktgemeinderates war aber wie Robert Wiechmann (Grüne, „Ein tolles Projekt.“) und Sebastian Franz (CSU, „Gewinnbringend für den ganzen Ort.“) anderer Meinung, und gab mit fünf Gegenstimmen grünes Licht für die Auslegung der Planung zur Öffentlichkeits- und Behördenbeteiligung.

Im Idealfall plant die Eckpfeiler GmbH die Fertigstellung 2023. Anerkennend und mit einem Au-
genzwinkern meinte Hubert Müller (FWG) zu den Planungen: „Das Tempo ist brutal. Ich glaube, wir sollten uns beeilen, den Solar-Tracker zu sichern.“

[Das Gelbe Blatt, 31.12.2021]

30 Dez

„Besserer Schutz vor wucherischen Mietpreisen“

Landkreis – Sechs Gemeinden aus dem Landkreis Miesbach haben sich für eine Aufnahme in die Mieterschutzverordnung bemüht. „Alle Gemeinden wurden berücksichtigt“, heißt es nun aus dem Büro der Landtagspräsidentin Ilse Aigner (CSU).

Ab Neujahr gilt die Mietpreisbremse somit für 13 der 17 Städte und Gemeinden im Landkreis Miesbach. Neu hinzugekommen sind Weyarn, Tegernsee, Kreuth, Bad Wiessee, Gmund und Schliersee. Für die bereits vorher aufgenommenen Städte und Gemeinden Fischbachau, Hausham, Holzkirchen, Irschenberg, Miesbach, Otterfing und Rottach-Egern wurde sie verlängert.

Kein angespannter Wohnungsmarkt gilt nach dem Gutachten des Instituts Wohnen und Umwelt (IWU) indes für Bayrischzell, Waakirchen, Warngau und Valley – in diesen Gemeinden gilt die neue Mietpreisbremse nicht.

Das Gutachten hatte das bayerische Justizministerium in Auftrag gegeben. Die sechs neu aufgenommenen Kommunen hatten sich – anders als die vier verbleibenden – für die Aufnahme in die Mieterschutzverordnung mit Stellungnahmen bemüht.

Laut der Mitteilung aus dem Büro der Landtagspräsidentin hatte sich Aigner im Vorfeld beim bayerischen Justizminister Georg Eisenreich (CSU) „für die Berücksichtigung der Bewerber stark gemacht“. Der Siedlungsdruck aus München in den Landkreis nehme weiter zu. „Diese hohe Nachfrage und die damit einhergehende Verknappung von Wohnraum treibt auch die Mietpreise immer weiter in die Höhe“, sagt die Landtagspräsidentin. „Mieten müssen erschwinglich bleiben, damit sich auch Einheimische das Wohnen leisten zu können – gerade, weil das Preisniveau in unserer Region ohnehin sehr hoch ist.“

Eisenreich erklärt in einer Mitteilung des Justizministeriums: „Menschen mit normalen Einkommen, Senioren und Familien müssen sich das Leben in den Ballungsräumen weiter leisten können.“ Die Mietpreisbremse sei ein dafür wichtiges Mittel. Sie gelte künftig in 203 Städten und Gemeinden Bayerns – ein Anteil von rund zehn Prozent der 2056 bayerischen Gemeinden, wie Eisenreich erklärte. Einsehbar ist die Liste der Gemeinden unter www.justiz.bayern.de/minis terium/gesetzgebung.

Mit dem neuen Gutachten der IWU seien 68 Kommunen neu aufgenommen worden, in 27 Gemeinden habe sich der Wohnungsmarkt verbessert. Die Gemeinden, kommunale Spitzenverbände und Interessensverbände seien zuvor zu einer Aufnahme in die Mieterschutzverordnung angehört worden. Die Gemeinden hätten dabei Gelegenheit gehabt, sich zu äußern, um aufgenommen oder aus der Verordnung herausgenommen zu werden.

Neben der ab 1. Januar geltenden Mieterschutzverordnung fordert Eisenreich die neue Bundesregierung dazu auf, einen bereits vorgelegten Gesetzentwurf umzusetzen. Der soll etwa Bußgelder von bis zu 100 000 Euro bei Wuchermieten ermöglichen. „Ein besserer Schutz vor wucherischen Mietpreisen ist dringend notwendig“, sagt Eisenreich. Zwar handle „die große Mehrheit der Vermieter“ verantwortungsvoll. „Aber schwarze Schafe unter den Vermietern verdienen keinen Schutz.“

Das gilt für Mieten

Mietpreisbremse: Wenn Bestandswohnungen neu vermietet werden, darf die Miete maximal zehn Prozent über der ortsüblichen Vergleichsmiete liegen.

Abgesenkte Kappungsgrenze: Bei bestehenden Mietverhältnissen darf die Miete binnen drei Jahren nicht um mehr als 15 Prozent (statt 20 Prozent) und nicht über die ortsübliche Vergleichsmiete hinaus erhöht werden. Kündigungssperrfrist: Bei der Umwandlung in Wohnungseigentum kann der Käufer von vermietetem Wohnraum dem Mieter erst zehn Jahre (statt drei Jahre) nach Verkauf wegen Eigenbedarfs kündigen. 

[Merkur, 30.12.2021]

13 Dez

Günstiger wohnen auf 35 Quadratmetern?

Holzkirchen will an der Maitz bezahlbaren Wohnraum schaffen. Dazu vergibt der Markt gemeindlichen Baugrund an Bewerber mit dem besten Konzept. Nach der Auslegung beschlossen die Räte nun, einer Bewerbergruppe eine exklusive Reservierungsphase einzuräumen.

Holzkirchen – Gerade im Münchner Speckgürtel wird bezahlbarer Wohnraum immer rarer. In Holzkirchen wird daher seit über zwei Jahren über die Nutzung der gemeindlichen Grundstücke in der Maitz diskutiert. In der Gemeinderatssitzung beschlossen die Räte nun, einer ortsansässigen Bewerbergruppe eine Reservierungsphase für die Weiterentwicklung ihres Konzepts einzuräumen.

Zum Hintergrund: Die Marktgemeinde vergibt 2300 Quadratmeter gemeindlichen Baugrund am westlichen Ortsrand. Im Juni ist die Entscheidung gefallen, dass Holzkirchen den Grund für 80 Jahre in Erbpacht an Gruppen mit einem Konzept für gemeinschaftliches Wohnen vergibt. Die Abwicklung solle über eine Genossenschaft laufen. Die Bewerber müssen dazu mindestens drei Jahre in Holzkirchen wohnen, arbeiten oder ein Ehrenamt ausüben (wir berichteten).

Nach Ende des Bewerbungsverfahrens im Oktober stand nun die Vorstellung der eingegangenen Konzepte auf der Agenda. Natalie Schaller vom Beraterbüro stattbau münchen erklärte dazu, dass lediglich eine einzige „ernst zu nehmende Bewerbung“ eingegangen sei. Es habe zwar noch eine weitere Reaktion gegeben, diese sei aber lediglich als Interessensbekundung einzustufen.

Schaller stellte ihre Einschätzungen zu der Bewerbung der noch in der Gründungsphase befindlichen Genossenschaft „geMaitzam wohnen“ vor. Es handelt sich um eine generationenübergreifende Gruppe von 15 vornehmlich aus Holzkirchen stammenden Personen mit verschiedenen Berufen. „Sie planen ein Mehrgenerationenprojekt. Hauptaugenmerk liegt auf gemeinschaftlichem und ressourcenschonendem Wohnen“, berichtete Schaller per Videoschalte. Ressourcenschonend sei der Vorschlag, da die Wohnfläche an die jeweilige Lebenssituation angepasst werde. Im Durchschnitt stünden jedem Mieter nur 35 Quadratmeter zu. Dies solle in der Genossenschaftssatzung entsprechend festgelegt werden. „Es ist also flächensparend“, unterstrich Schaller. Auch meinte sie, dass die Bewerbung zeige, dass sich die Gruppe mit der Wirtschaftlichkeit auseinandergesetzt habe. Der Mietpreis sei dabei auf zwölf Euro pro Quadratmeter Wohnfläche angesetzt. „Da kann man immer noch nicht von günstigem Wohnen reden, aber so ist es eben in der Gegend“, meinte Robert Wiechmann (Grüne).

Die Gruppe liebäugle mit einem Holzbau. Unter anderen bei diesem Punkt bedarf es laut Schaller bis zur Vergabeentscheidung weiterer Konkretisierungen. „Die Aussagen zur Ökologie und Nachhaltigkeit müssen noch detaillierter ausgearbeitet werden“, betonte sie. Ebenso fehle es an verbindlichen Vorstellungen zu einem Mobilitätskonzept. „Zwar äußert die Gruppe Sharing-Gedanken, aber es sind einige Fragen mit Blick auf die Stellplätze offen“, berichtete Schaller. Bisher stünden die Mitglieder des Vergabegremiums dem Konzept recht aufgeschlossen gegenüber. „Wäre es für das jetzige Stadium nicht überzeugend, würden wir als Vergabegruppe das Projekt auch nicht empfehlen“, meinte etwa Elisabeth Dasch (SPD).

Die Reservierungsphase ist auf maximal 18 Monate ausgelegt. In dieser Zeit ist das Grundstück kostenfrei für die Gruppe reserviert, damit sie in Kooperation mit der Gemeinde den Plan genauer ausarbeiten kann. Die Gemeinde kann im Laufe der Zeit überprüfen, ob die vergaberelevanten Kriterien bei der Projektentwicklung eingehalten werden. Sollte im Laufe dieser Zeit der Entwurf von „geMaitzsam“ für den Markt nicht überzeugend ausgebaut werden, kann Holzkirchen die Reservierung aufheben. Ohne Gegenstimme beschlossen die Räte, das Bewerbungskonzept von „geMaitzsam wohnen“ im Rahmen der Reservierungsphase weiterzuentwickeln. Sebastian Franz (CSU) sagte: „Eine private Initiative von hier, für hier ist super.“

Auf Anfrage unserer Zeitung teilte „geMaitzsam wohnen“ mit, sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht genauer vorstellen zu wollen.

[Merkur, 13.12.2021]

07 Dez

Wohnen in der Wabe

In Riem baut Architekt Peter Haimerl das für München sehr unkonventionelle Haus „Mama“

Auf dem letzten freien Grundstück der Messestadt Riem entsteht gerade ein äußerst unkonventioneller Neubau: Das Haus sieht aus wie eine überdimensionale Bienenwabe. Es ist eine Vision des Münchner Architekten Peter Haimerl, der so auch gegen den üblichen Klötzchen-Städtebau ankämpft.

„Es ist eine Misere, dass wir nur noch in Schachteln denken“, sagt der Architekt. Auch in der Messestadt Riem sei entstanden, was man überall in Deutschlands Neubaugebieten zu sehen bekomme: große Quader mit Standardfassaden. „Ein trauriger, urbaner Loop aus Einfallslosigkeit und Langeweile.“ Peter Haimerl, der an der Linzer Universität lehrt und Aufsehen erregte, als er im Bayerwald-Dorf Blaibach ein radikal modernes Konzerthaus errichtete, beschäftigt sich seit über 30 Jahren mit Städte- und Wohnungsbau. Er sagt: „Wir müssen von Haus aus in größeren Zusammenhängen denken.“

Die Idee für ein Modell jenseits der Tristesse liegt schon lange in seiner Schublade. Inzwischen gebe es einen begrüßenswerten Trend zum Zusammenleben. Und was drücke Gemeinschaft besser aus als ein Bienenstock? Zusammen mit der experimentierfreudigen Wohnungsbaugenossenschaft Wogeno zieht der vielfach ausgezeichnete Architekt nun an der Den-Haag-Straße das Wabenhaus „Mama“ hoch.

Der Name suggeriert Geborgenheit. „Es soll aufnehmend sein, und es sollen noch viele Kinder folgen“, bestätigt Haimerl. Das Gebäude setzt sich aus sechseckigen, horizontal aufeinander gestapelten Röhren zusammen, die zu einer großen Wabe montiert werden. Das in der Natur weit verbreitete Prinzip der Hexagonalstruktur erlaubt intelligente räumliche Verschachtelungen und unzählige Kombinationsmöglichkeiten von einzelnen Raumeinheiten. Wände verschwinden und werden zu Verbindungstreppen oder Raumtaschen. Die einzelnen Waben sind sechs Meter breit und zwölf Meter tief plus 1,50 breite Balkone auf beiden Seiten. Nicht alle Waben gehen durchs Haus hindurch. Schon der Rohbau, den man live per Webcam verfolgen kann, wirkt spektakulär. Haimerl: „Wir wollen in der Messestadt einen Identifikationsanker setzen.“

Das Wohnen in der Wabe erfordert ein hohes Maß an Flexibilität und Offenheit für die besondere Wohnform. Das fängt schon bei der Ausstattung an. Ein Standardschrank aus dem Möbelhaus würde vor den schiefen Wänden wie ein Fremdkörper wirken und auch massiv Platz verschenken. Peter Haimerl tüftelt daher an eigenen Möbeln für die künftigen Bewohner. Es gibt bereits Prototypen, die den Raum optimal ausnutzen. Jeder, der hier einziehe, werde individuell beraten und könne sich am Ende seine gewünschte Einrichtung aus einem Katalog zusammenstellen, kündigt Haimerl an. Die Möbel sollen zum Teil im 3-D-Drucker entstehen. „Alles maßgeschneidert.“

Das ganze Prinzip des Wabenhauses eignet sich optimal für genossenschaftliches Leben. Deshalb soll es in Riem neben Einzelappartements auch eine Groß-WG über zwölf Zimmer geben. In der Erdgeschoss-Wabe ist ein Quartiersladen geplant, der von Bewohnern betrieben und genutzt werden soll. Angrenzend soll eine Selbstbedienungs-Fahrrad-Reparaturstation eingerichtet werden. Ein bisschen „normal“ geht es dann aber doch noch auf dem Grundstück zu. Direkt daneben entsteht ein zweiter Baukörper, ein konventionelles Gebäude mit großen Familienwohnungen, über eine Brücke angebunden an die Gemeinschaftsräume im Wabenhaus. Im Sommer 2022 soll das komplette Gebäude bezugsfertig sein.

[Merkur, 07.12.2021]

06 Dez

Wohnraum für Einheimische

Kleines Programm in Großhartpenning nimmt Gestalt an – Schutz für Bäume

Holzkirchen – Bereits im vergangenen September billigte der Holzkirchner Bauausschuss die Änderung des Bebauungsplans 105, der Grundstücke zwischen der Tölzer Straße und der Piesenkamer Straße in Großhartpenning umfasst. Mit der zugleich durchgeführten Änderung des entsprechenden Flächennutzungsplans soll ein „kleines Einheimischenprogramm“ ermöglicht werden, wie Bürgermeister Christoph Schmid (CSU) nun im Bauausschuss sagte.

Inzwischen wurden Behörden und die Öffentlichkeit an der Bebauungsplanänderung beteiligt. Das Wasserwirtschaftsamt Rosenheim habe dabei angemerkt, die künftigen Gebäude hochwasserfest zu bauen, teilte Isabella Britze vom Holzkirchner Bauamt mit. Die Vorgabe laute, dass bis in einer Höhe von 25 Zentimetern über Grund wasserdicht gebaut werden müsse. Man habe zudem in den Bebauungsplan Vorgaben aufgenommen, dass Bäume, die in einer Höhe von einem Meter einen Durchmesser von 80 Zentimeter aufweisen, nicht umgeschnitten werden dürfen, erläuterte Britze. Dies könnte dann zum Tragen kommen, wenn beim Hausbau die Wege zu den neuen Gebäuden erschlossen werden.

Britze erwähnte zudem, dass die Grundstückseigentümer Ausgleichsflächen gefunden hätten. Auf Holzkirchner Gemeindegebiet gebe es zwei Flächen, die der landwirtschaftlichen Nutzung zugeführt würden. Damit soll die Flächennutzung ausgeglichen werden, die durch die Neubauten entsteht.

Robert Wiechmann (Grüne) merkte in der Diskussion an, dass es keinen Sinn mache, in einem Bebauungsplan auf einzelne Bäume einzugehen. „Was macht man denn sonst, wenn der Blitz einschlägt: Muss man dann den Bebauungsplan ändern?“, gab er zu bedenken. Sein Vorschlag: Man solle allgemeiner formulieren. Bürgermeister Schmid nahm die Anregung auf. Es gehe um den Schutz der Bestandsbäume, aber wenn es gute Gründe gibt, solle man auch eingreifen dürfen, so fasste er die Idee hinter den Baumschutzmaßgaben zusammen.

Einstimmig billigten die Gemeinderäte die neue Fassung des Bebauungsplans wie auch des Flächennutzungsplans. Hubert Müller (FWG) nahm aufgrund persönlicher Befangenheit nicht an der Abstimmung teil. Damit ist nun der Weg frei für eine weitere Runde der Öffentlichkeits- und Behördenbeteiligung.

[Merkur, 06.12.2021]

20 Nov

16 neue Wohnungen

Schlüsselübergabe für Mehrfamilienhäuser an Bad Wiesseer Dr.-Scheid-Straße

Bad Wiessee – Trotz Corona-Pandemie während der gesamten Bauzeit konnte der Zeitplan nahezu eingehalten werden: Mitte November waren die beiden neu errichteten Gemeindehäuser an der Dr.-Scheid-Straße 7 und 7a bezugsfertig. Es ist das dritte Projekt des über einigen Jahren gegründeten Kommunalunternehmens der Gemeinde Bad Wiessee. Vorangegangen waren der Bau des Mehrgenerationenhauses, ebenfalls an der Dr.-Scheid-Straße, und die Sanierung zweier Mehrfamilienhäuser an der Söllbachtalstraße.

Bei der symbolischen Schlüsselübergabe überreichte Bürgermeister Robert Kühn nun den ersten Mietern einen gewichtigen Schlüsselbund. „Wir sind mächtig stolz“, erklärte er mit Blick auf das Projekt und die Tatsache, dass die Häuser trotz erschwerter Lage nahezu plangemäß bezogen werden können: „Wo andere noch planen, haben wir unser drittes Projekt bereits fertig.“

Auch die Kosten bleiben im Rahmen: Rund 5,9 Millionen Euro hat das KU in den Bau investiert. Entstanden sind 16 barrierefreie Wohnungen mit gut 1200 Quadratmetern Wohnfläche – davon vier Zwei-Raum-Wohnungen und je sechs Einheiten mit drei beziehungsweise vier Zimmern. Jede Wohnung hat entweder eine Terrasse oder einen Balkon. Auch ein Lift sowie eine Tiefgarage mit 19 Stellplätzen und ein Fahrradkeller gehören dazu. lm Außenbereich gibt es für Bewohner eine gemeinsame Grünfläche mit Sitzbänken, Obstbäumen und Sträuchern. Zudem sollen auf der Westseite des Grundstücks Spielgeräte für Kinder aufgestellt werden. Beheizt wird mit einer pellet-Anlage. „Die Bauarbeiten sind ohne Schwierigkeiten abgelaufen“, sagte Architekt Daniel Pförtsch und hob die positive Zusammenarbeit mit der Gemeinde hervor, die sich als engagierter Bauherr gezeigt habe.

Angesichts des angespannten Wohnungsmarkts im Tegernseer Tal und der Region wurde das Angebot stark nachgefragt. Über 100 Bewerbungen auf eine der Wohnungen seien beim KU eingegangen, sagte Dagmar Milbrandt zuständig für die Hausverwaltung. Nicht zuletzt angesichts des Andrangs habe man einen Kriterienkatalog für die Auswahl erstellen müssen, erklärte KU-Chef Thomas Lange. So habe man berücksichtigt, wie lange ein Interessent schon im Ort oder im Tal lebt. Natürlich hätten auch die Höhe des Einkommens oder das Verhältnis von Wohnungsgröße zur Zahl der künftigen Bewohner eine wichtige Rolle gespielt. Das Verhältnis von Bedarf und Bestand werde wohl auch langfristig nicht ins Gleichgewicht zu bringen sein – trotz des Bestrebens, neue Wohnungen zu schaffen. Gleichwohl sei Bad Wiessee mit 186 gemeindeeigenen Wohnungen vergleichsweise gut aufgestellt. Wichtigstes Anliegen sei, nicht nur Gutverdienern, sondern auch Menschen aus der Mittelschicht ein Leben im Ort zu ermöglichen.

Bei den künftigen Bewohnern der beiden Häuser an der Dr.-Scheid-Straße habe man auf eine gute Auswahl, einen guten Mix, Wert gelegt, erklärten die Verantwortlichen. Insbesondere junge Familien mit Kindern und ältere, alleinstehende Personen hätten ein neues Zuhause gefunden, auch Menschen mit Handicap. 13 Parteien hätten schon zuvor im Ort gelebt, drei weitere seien aus anderen Talgemeinden hergezogen. „Wir bleiben nicht stehen, wir wollen noch mehr schaffen“, versicherte Kühn, denn schon stehen die nächsten Vorhaben auf der Agenda: Zuerst sollen die beiden Mehrfamilienhäuser an der Hagngasse abgebrochen und bis 2024 durch Neubauten mit mehr Wohnraum ersetzt werden. Außerdem steht die Sanierung der Ringbergsiedlung an. Es ist das älteste Objekt im Bestand.

[Das Gelbe Blatt, 20.11.2021]

10 Nov

Wohnprojekt bekommt Kümmerer

Otterfing – Bisher rang sich die Gemeinde nur zu Absichtserklärungen durch: Das Bauprojekt „Wohnen in Otterfing“, von dem besonders ältere Bürger profitieren sollen, es tritt auf der Stelle. Jetzt ist frischer Wind angesagt: Ein „Quartiersmanager“ soll das Konzept mit Leben füllen und anschieben. Der Gemeinderat beschloss einstimmig, eine Teilzeitstelle auszuschreiben und ab 1. Januar zu besetzen. Die Entscheidung fiel nicht schwer, da ein Förderprogramm des Freistaats fast die kompletten Personalkosten abdeckt.

Der Hinweis auf den Fördertopf stammt von Sabine Wenng, die für das bayerische Sozialministerium die „Koordinationsstelle Wohnen im Alter“ leitet und sich Anfang 2020 im Gemeinderat vorgestellt hatte. Wenng empfahl, frühzeitig einen Quartiersmanager ins Boot zu holen, um schon bei der Projektplanung und bei der konkreten Bedarfsanalyse professionelle Unterstützung im Haus zu haben (wir berichteten).

„Die Hauptaufgabe der neuen Stelle wird sein, unser Mehrgenerationen-Wohnen auf den Weg zu bringen“, betonte Bürgermeister Michael Falkenhahn (SPD) auf Anfrage. Zudem soll der oder die Manager(in) nicht nur das Wohnprojekt begleiten, sondern die sozialen Anbieter in der Gemeinde vernetzen, koordinieren und bei Bedarf für sie als Türöffner fungieren bei Behörden oder Förderstellen. „Ein offenes Ohr für soziale Belange in der Gemeinde“ solle der oder die Bewerber(in) mitbringen, wünscht sich Falkenhahn, „und vielleicht hat sie oder er ja eigene Ideen mit dabei“. Wie Rathaus-Geschäftsleiter Markus Stark in der Sitzung erklärte, gibt es in der Region bisher kaum solche fest angestellten Quartiersmanager: „Otterfing ist da eine Art Vorreiter.“

Bereits zum 1. Januar soll die Teilzeitstelle (50 Prozent) besetzt sein. Bewerben können sich Frauen und Männer, die Erfahrungen aus dem Bereich Soziale Arbeit mitbringen, etwa Diplom- oder Sozialpädagogen. Finanziert wird die neue Stelle zum Großteil aus dem staatlichen Förderprogramm „Selbstbestimmt Wohnen im Alter“. Vier Jahre lang gibt es je 20 000 Euro vom Freistaat, insgesamt also 80 000 Euro. Die Gemeinde selbst hat jährlich nur 2000 Euro beizutragen.

Das Ausschreibungsverfahren läuft. Wie Stark erklärte, sind feste Zusagen aber erst möglich, wenn die Förderung verbrieft ist. Zunächst ist die Anstellung auf vier Jahre angelegt. Ob der Gemeinderat darüber hinaus einen Quartiersmanager wünscht, der dann wohl ohne Zuschüsse zu finanzieren wäre, bleibe abzuwarten, sagte Falkenhahn: „Ich halte es für fair, den Bewerbern gleich zu sagen, dass es keine Garantie für eine Weiteranstellung nach den vier Jahren gibt.“

Schon seit Jahren versucht die Gemeinde, ein Wohnprojekt zu verwirklichen, das auf die Bedürfnisse von Senioren abgestimmt ist. Da hohe staatliche Zuschüsse winken, war angedacht, dies im Rahmen des kommunalen Wohnungsbaus zu realisieren. Als Standort war zunächst die gemeindeeigene Thoma-Wiese in der Ortsmitte auserkoren. Anfang 2020 beschloss der Gemeinderat dann, zehn der angedachten 25 Einheiten an junge Otterfinger zu vergeben und beim Standort nicht mehr nur auf die Thoma-Wiese fixiert zu sein.

[Merkur, 10.11.2021]

03 Nov

Quadratmeter sind die neue Währung am Arbeitsmarkt

Wirte, Kliniken, Stadtwerke: Viele Branchen tun sich schwer, Fachkräfte in die Region zu locken. Werkswohnungen sind ein Argument

München – Die neue Währung auf dem Arbeitsmarkt heißt Quadratmeter. Nicht nur Busunternehmer, auch viele andere Branchen sind von den hohen Mieten betroffen. Besonders Gastronomie und Pflege suchen händeringend nach Fachkräften.

Thierry Willems ist Chef des Bräustüberls Weihenstephan in Freising. Ihn schreckt der Personalmangel mehr als die Immobilienpreise. „Ich habe in Freising eine Wohnung für 600 000 Euro gekauft und 45 000 Euro in den Ausbau investiert“, berichtet er. Die Wohnung ist nicht für leitende Angestellte gedacht, sondern für Restaurantfachkräfte. Kräfte, an denen es mangelt. „Ich kriege keine guten Leute mehr“, stellt Willems fest, „zumindest nicht hier vor Ort.“

Deshalb sucht er seine Fachleute im Ausland. In Frankreich und Tschechien beispielsweise. Aber die können sich die hohen Mieten in München nicht leisten, denn die Gehälter seien in der Branche naturgemäß knapp kalkuliert, sagt Willems. „Damit ich den Leuten mehr zahlen kann, müsste ich mehr verlangen – und über 20 Euro für ein Schnitzel wird kaum ein Gast bezahlen.“

Deshalb verlangt der Restaurant-Chef von seinen Mitarbeitern nur einen Teil der ortsüblichen Miete. Denn nur mit Fachkräften funktioniere das Geschäft. Die Investitionen in die Wohnung, eine weitere auf dem TUM-Gelände und vier Zimmer im Bräustüberl sind für Willems’ Geschäft überlebenswichtig: „Andere Wirte hatten Personalmangel und konnten den Aufschwung nicht mitnehmen“, sagt Willems. Er bedauert, mit so harten Bandagen um seine Mitarbeiter kämpfen zu müssen. „Nicht alle Betriebe haben das Volumen, nebenher noch Immobilien kaufen zu können.“

Den Kampf um Fachkräfte ficht auch Frank Niederbühl, Geschäftsführer des Klinikums Garmisch-Partenkirchen. „Wir haben jetzt schon über 200 Wohneinheiten, aktuell bauen wir 19 dazu“, erklärt er. Gemeint ist ein Projekt im 3200-Seelen-Ort Ohlstadt. Hier hat das Klinikum das Alpenhotel gekauft und baut die Zimmer zu Wohnungen aus. Kostenpunkt allein für die Sanierung: 4,5 Millionen Euro. Erlös: gerade einmal etwa zehn Euro Kaltmiete pro Quadratmeter. Für Niederbühl ist das aber alternativlos. „Wir brauchen vor allem gute Pflegekräfte und die können sich das Wohnen in der Region sonst nicht leisten.“ Da würden auch höhere Löhne nichts helfen: „Selbst wenn man auf dem Mietmarkt konkurrieren kann, gibt es trotzdem zu wenig Wohnraum“, sagt er. Trotz aller Mühe kann nur ein Teil der 1500 Klinikmitarbeiter eine der 230 Wohnungen beziehen. „Wir versuchen deshalb, die Wohnungen befristet zu vermieten und damit vor allem den neuen Leuten das Ankommen zu erleichtern“, erklärt der Klinik-Chef.

Ähnlich ist die Situation bei der München Klinik, zu der die Kliniken Bogenhausen, Harlaching, Neuperlach, Schwabing und Thalkirchner Straße gehören. „Wer in und für München arbeitet, soll hier auch gut mit seiner Familie leben können. Bezahlbarer Wohnraum für Mitarbeiter war für uns deshalb immer ein vordringliches Thema“, sagt Dr. Axel Fischer, Chef der München Klinik. Man habe derzeit Bezugsrechte für rund 1000 Wohnungen im Stadtgebiet, biete Unterstützung bei der Wohnungssuche sowie temporäre Personalunterkünfte. Besonders im Pflegebereich müsse die Klinik ein arbeitsplatznahes Wohnen erleichtern. So sind am Standort Schwabing 132 Ein- bis Vier-Zimmer-Wohnungen für Pflegepersonal geplant. Daneben setzt die München Klinik auf weitere Bonbons: vergünstigte MVV-Tickets, Werbeprämien für Mitarbeiter, Wiedereinstiegs-Angebote für Berufsrückkehrer, Betriebsrente, flexible Arbeitszeit- und Kinderbetreuungsangebote sowie Fortbildungen. Außerdem bildet das Klinikum selber Pflegenachwuchs aus.

Bei den Stadtwerken München, zu denen auch die Verkehrsgesellschaft MVG mit ihren Bussen, Tram- und U-Bahnen gehört, setzt man schon seit Jahren wieder auf Werkswohnungen, denn auch hier fehlt Personal – besonders Fahrer im Nahverkehr. Bis 2030 wollen die Stadtwerke über rund 3000 Werkswohnungen verfügen.

Auch die öffentliche Hand investiert. So entstanden im September in Putzbrunn im Kreis München 76 Wohnungen. Träger ist das Landratsamt München. Mit zehn Euro Kaltmiete pro Quadratmeter wollen der Landkreis und die Gemeinde Fachkräfte anlocken. Dabei sind 54 Wohnungen für Mitarbeiter des Landratsamtes gedacht, 22 für Gemeindemitarbeiter und Bürger. Insgesamt kostet das von Bund, Landkreis und Gemeinde finanzierte Projekt 29 Millionen Euro.

[Merkur, 03.11.2021]

03 Nov

Ja zum nächsten Schritt

Holzkirchen: Wohnquartier Winkelbauer-Höfe geht in Auslegung

Holzkirchen – Mit zwei Gegenstimmen haben die Holzkirchner Marktgemeinderäte kürzlich die vorzeitige Auslegung des vorhaben bezogenen Bebauungsplans Nr. 151 zwischen Valleyer Weg und Angerstraße gebilligt und die Öffentlichkeits- sowie Behördenbeteiligung gestartet. Die Stellplatzreduktion um 45 Prozent für die geplanten 64 Wohneinheiten hat allerdings noch einen juristischen Pferdefuß.

Dem Beschluss gingen eine vom Kolbermoorer Familienunternehmen Quest AG als Bauherr in Eigeninitiative gestartete Bürgerbeteiligung und Expertengespräche zu dem städtebaulichen Konzept voraus. Die Kritikpunkte aus früheren Sitzungen des Marktgemeinderats, wonach die fünf Baukörper zu groß und mächtig ausfallen, wurden vom Bauherrn aufgenommen. Um eine verträgliche Dichte zu erreichen, hat die Quest AG den ursprünglichen Entwurf geändert und die Gebäude kürzer und schmaler geplant. Ebenso wurden die privaten Freiflächen verkleinert, um gemeinschaftlichen Flächen mehr Platz einzuräumen. Auch wurden die von der Verwaltung geforderten Anpassungen der Straßenbreiten in den neuen Entwurf eingearbeitet.

Um eine baukostensparende Reduktion der Stellplätze zu ermöglichen, wurde ein Mobilitätskonzept vorgelegt, das im Schwerpunkt auf fünf Car-Sharing-Autos sowie Lastenräder, Pedelecs und Fahrradanhänger zum Leihen sowie einem Dreirad für mobilitätseingeschränkte Personen basiert. Die ursprünglich angedachte Reduktion von 55 Prozent kappten die Gemeinderäte um 10 Prozent weil der Plan, dass eine entsprechende Anzahl der Wohnungseigentümer eine Autoverzichtserklärung unterschreiben sollen, juristisch nicht möglich sei. Nach aktueller Berechnung ergeben sich einschließlich der Car-Sharing-Parkplätze 59 Stellplätze, wovon 51 in Tiefgaragen verschwinden.

Überwiegend und fraktionsübergreifend fand die Planung positives Echo. Deutliche Kritik kam allerdings von Josef Sappl sen. (CSU). Zwar hob auch er die gute Zusammenarbeit mit dem Bauherrn heraus. Allerdings sei das Grundstück das falsche. Zum einen monierte er, dass den Nachbarn durch die massive Bebauung die Sonne genommen werde, zum anderen äußerte er Zweifel, dass die Erschließung über den Bahnübergang am Valleyer Weg ausreichend sei. Zum Bahnübergang entgegnete Bürgermeister Christoph Schmid, dass dazu Untersuchungen gemacht wurden und die Blaulichtorganisationen involviert waren. Ergänzend meinte der Rathauschef: „Die Bürger, die dort wohnen, wissen sehr wohl, wann die Schranke zu ist, und sie haben sich darauf eingestellt.“ Den weiteren Einwand Sappls, die geplanten Parkplätze seien alleine schon in Anbetracht des zu erwartenden Liefer- und Handwerkerverkehrs zu wenige, konnte Schmid indes nicht ganz entkräften. Weil das Schwert der Autoverzichtserklärung derzeit eher stumpf ist und nur auf dem guten Willen der neuen Bewohner basiert, hofft Schmid: „Es gibt viele Menschen, die den Autoverzicht ganz bewusst leben wollen und wir sind guter Dinge, dass genau die dort einziehen werden.“

[Das Gelbe Blatt, 03.11.2021]

03 Nov

„Ohne Werkswohnung kriege ich keine Fahrer“

Zur Freude von Pendlern und Klimaschützern setzt der Münchner Verkehrsverbund immer mehr Busse ein. Für die Fahrer selbst ist die Metropolregion jedoch unattraktiv geworden – vor allem wegen der hohen Mieten. Bei einem Busunternehmer heißt es deshalb: Biete Tariflohn und Apartment.

Schlacht – Alles drängt nach München. Nirgends haben so viele Dax-Konzerne ihren Sitz, auch Microsoft hat hier seine Deutschland-Zentrale. Und die Universitäten sowie die Nähe zu den Bergen, Österreich und Italien locken. Die Schattenseite: Die Mieten sind in den letzten zehn Jahren um mehr als 60 Prozent gestiegen. Für viele Angestellte lohnt es sich kaum noch, in und um München zu arbeiten, wenn woanders vergleichbare Löhne gezahlt werden. Arbeitgeber in der Metropolregion, die das nicht über den Lohn ausgleichen können, haben arge Probleme, Personal zu finden – und setzen deshalb auf ein schon tot geglaubtes Konzept: die Werkswohnung.

„Anders bekomme ich keine Leute mehr“, sagt zum Beispiel Josef Ettenhuber aus dem Landkreis Ebersberg. Er ist Busunternehmer und bedient mit 132 Bussen Linien des Münchner Verkehrsverbunds (MVV). 132 Busse bedeutet jede Menge Fahrer. Und die sind am engen Markt kaum noch zu finden. Ettenhuber bereitet das Kopfzerbrechen. Einfach mehr Gehalt zahlen, das könne er nicht, erklärt er. „Die Linien werden vom MVV ausgeschrieben – und der Anbieter mit dem günstigsten Angebot erhält den Zuschlag.“ Dabei gebe es nur wenig Spielraum, denn der Verkehrsverbund setze den Tarifabschluss im privaten Omnibusgewerbe voraus.

Josef Ettenhuber hat 4 Mio. Euro investiert

Eigentlich sind Tarifverträge für Arbeitnehmer ein Vorteil, den Haken daran beschreibt Ettenhuber so: „Der Tarif wird für ganz Bayern ausgehandelt. Das heißt: In Zwiesel in Niederbayern gilt dasselbe wie in München.“ Laut dem Immobilienportal „Immowelt“ ist eine Münchner Wohnung oft kaum unter 20 Euro Kaltmiete pro Quadratmeter zu haben – im niederbayerischen Zwiesel bekommt man für ein Drittel des Preises eine Wohnung. Das MVV-Land sei wegen der Lebenshaltungskosten für auswärtige Fahrer unattraktiv, sagt Ettenhuber: „Sie bekommen niemanden aus Deutschland, weil alle Verkehrsbetriebe händeringend Fahrer suchen. Da zieht niemand nach München.“ Die Fahrer könnten sich als ausgebildete Fachkräfte Ansprüche erlauben. Die Lösung für viele Betriebe sind Fahrer aus Osteuropa. „Wir bekommen viele Leute aus Kroatien, Rumänien und Serbien. Die arbeiten oft nur eine gewisse Zeit hier, verdienen ihr Geld und gehen dann in ihr Heimatland zurück“, sagt Ettenhuber. Dafür muss der Unternehmer aber in Vorleistung gehen. „Die Fahrer wollen das verdiente Geld ja nicht für die Miete ausgeben, sondern mit zu ihren Familien nehmen.“

Josef Ettenhuber und seine zwei Brüder haben deshalb investiert, allein rund vier Millionen Euro für Apartments direkt neben der Firmenzentrale im Glonner Ortsteil Schlacht im Kreis Ebersberg. „Früher hatten wir Container“, erklärt Ettenhuber, während er über den Firmenhof auf das Haus am Rande des Grundstücks zugeht. Ein dreistöckiger Neubau für 40 Parteien, in dem ein Teil seiner Fahrer wohnt.

Ein Apartment kostet 450 Euro Miete – warm

Einer ist Claudiu-Emanuel Acsinciuc. Der 48-jährige Rumäne war im Juli der erste Mieter im neuen Haus. „Es ist wie in einem Hotel“, sagt er zufrieden. Sein Zimmer ist bescheiden, aber hochwertig. Beheizter Steinboden in Holzoptik, ein Bett und ein Tischchen, auf dem eine Mikrowelle und eine Kaffeemaschine stehen. Zwei Türen führen in Küche und Badezimmer, die sich Acsinciuc mit seinem Nachbarn teilt.

Die Räume wirken anonym, aber modern und sauber. Tritt Acsinciuc auf den Balkon, sieht er das Nachbarhaus, ein Bau aus den 1970ern, in dem ebenfalls Mitarbeiterapartments sind. Davor steht ein überdachter Freisitz, auf dem die Fahrer gerne beisammen sind. Ansonsten gibt es in Schlacht nicht viel: ein Café, einen Hofladen – und viel Natur. Acsinciuc reicht das: „Ich gehe aus der Tür und bin bei meinem Bus – das spart mir jeden Tag viel Zeit und Geld.“

Der Rumäne zahlt 450 Euro Miete. Warm. Das kostet jedes von Josef Ettenhubers Zimmern. Für Acsinciuc ist das ein guter Handel, denn so kann er selbst bestimmen, wie viel ihm von seinem Tariflohn bleibt. Der Tarif, das sind je nach Berufserfahrung zwischen 2205,95 und 2404,81 Euro brutto.

Josef Ettenhuber betont: „Es müsste für den Tarif einen München-Zuschuss geben, damit die Arbeit auch hier attraktiv bleibt.“ Denn während der MVV seine Takte zur Freude der Pendler verstärkt, brauchen die Busunternehmer immer mehr Fahrer, um die zusätzlichen Busse zu besetzen. „Und langsam kommen sie nicht mehr von alleine. Ich überlege gerade, ob ich es mit Facebook-Werbung versuchen soll.“

Langfristig komme ein weiteres Problem dazu: „Die Apartments sind ja nicht darauf ausgelegt, von einer Familie bewohnt zu werden“, sagt der Busunternehmer. Zwar seien seine Mietverträge unbefristet, aber im Grunde nur als Starthilfe gedacht: „Wer dauerhaft hier arbeiten will, sollte sich schon irgendwann etwas Eigenes suchen, damit der nächste Fahrer einziehen kann.“ Doch dann wird das MVV-Gebiet für viele wieder unrentabel.

[Merkur, 03.11.2021]